camera obscura
Es gab für das Projektergebnis den Herwig-Blankertz-Förderpreis für Jugendbildung, der am 10. Juni 1999 verliehen wurde.

Die Projektidee

¥ Analyse und Dokumentation der Lebensbedingungen von Kindern im Stadtteil mit Hilfe der Methoden >Camera Obscura< und >Photographie<

(hier fehlt noch das Konzept)

Die Ausstellung: "Eine gute Adresse"

Die Baustraße

Gegen Mittag kamen wir an unserem ersten Projekttag auf der Baustraße an. Trotz einiger Warnungen eines Busfahrers sind wir entschlossen und mutig weiter in das Gebiet vorgedrungen. Als wir an unserem endgültigen Ziel ankamen, sahen wir eine menschenleere Straße. Vor uns waren drei triste, unscheinbare Wohnblöcke von Familien unterschiedlicher Nationalitäten. In einem der Blöcke wohnen Deutschrussen, in den zwei anderen, die parallel zueinander stehen, wohnen Türken und Jugoslawen.

Da wir aber niemanden sahen, sind wir zu dem nahegelegenen Stadtteilzentrum Osterfeld gegangen, wo wir einen kleinen Eindruck bekamen, wie manche Kinder aus dieser Gegend ihre Freizeit verbringen. In diesem Zentrum arbeiten Erzieher/ innen im Wechsel, die die Kinder betreuen. Dort spielen die Kinder miteinander, wobei es auch Außenseiter gibt. Die Räumlichkeiten des Stadtteilzentrums sind groß und hell und wirken in dieser trostlosen Gegend luxuriös und freundlich. Ein weiterer Aufenthaltsort für die jüngeren Kinder ist der interkulturelle Kindergarten "Emek", der sich neben den zwei Wohnblöcken der türkischen und jugoslawischen Familien befindet. Wir konnten feststellen, dass sich der Außenspielbereich des Kindergartens von dem Außenspielbereich der Kinder, die dort wohnen, unterscheidet. Der Bereich des Kindergartens wirkt fröhlich, hell und lebendig, was ihn von der restlichen Umgebung deutlich abhebt.

An den weiteren Projekttagen konnten wir feststellen, dass man uns zuerst mißtrauisch ansah. Vor allem die Erwachsenen scheuten einen Kontakt mit uns. Einige Kinder stellten uns beim Anblick der "Camera Obscura" die Frage, ob wir darin eine Bombe versteckt hätten. Daraufhin kamen wir mit ihnen ins Gespräch und klärten das Missverständnis. Danach wurden die Kinder offener uns gegenüber und erzählten einige Geschichten über ihr Leben. Sie erzählten beispielsweise, dass sie miteinander spielen, jedoch die Erwachsenen sich zurückziehen und getrennt voneinander leben. Die Kinder kennen keine Grenzen zwischen den Familien verschiedener Nationalitäten.

Der Tagesablauf der Kinder sieht so aus, dass die Schulpflichtigen zur Schule gehen, wobei die meisten dem Unterricht fernbleiben und sich in der Stadt herumtreiben, wo sie sich einige Dinge durch Klauen organisieren. Kleinkinder verbringen ihre Zeit bei den Müttern oder manche Kinder gehen in den Kindergarten. Nach der Schule bzw. dem Kindergarten spielen alle Kinder draußen zusammen. Ihre Aufenthaltsorte sind die Straße, die Stadt, der Revierpark Vonderort oder das Gelände, wo sie wohnen. Ihre Eltern jedoch achten nicht so sehr darauf, wie lange die Kinder draußen bleiben, sie verlangen nur von den Kindern, dass sie bis zum Eintritt der Dunkelheit wieder zu Hause sind.

Uns fiel auf, daß die Jugendlichen, im Gegensatz zu den Kindern, teure Kleidung tragen. Gegenstände wie Fahrräder, Fernseher etc. bekommen sie vom Sperrmüll. Mit dem Fahrrad wird solange gefahren, bis es nicht mehr fahrtüchtig ist. Ob das Fahrrad zu groß oder zu klein ist, spielt dabei keine Rolle.

Von den Erwachsenen konnten wir aufgrund von Sprachschwierigkeiten und ihrer Kontaktscheu nicht sehr viel erfahren. Wir erfuhren von unserer Betreuerin Heike Stader, dass es Streitigkeiten zwischen den Erwachsenen wegen verschiedener Sitten und Gebräuche gibt. Nach ihrer Meinung werden diese Streitigkeiten teilweise brutal gelöst, indem sie beispielsweise das Messer gebrauchen.

So sieht das Leben von Erdal (13 Jahre) aus:

ãIch wurde in Jugoslawien geboren. Als ich sechs Jahre alt war, sind wir nach Deutschland gekommen, weil in unsere Heimat Krieg war. Nur meine Oma und mein Opa leben noch dort. Ich würde sie gern einmal wieder besuchen. Zuerst lebten wir in Oberhausen Holten. Da diese Häuser für Aussiedler gebraucht wurden, mußte ich mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern hierher zur Baustraße ziehen.

Zur Zeit besuche ich die Heide-Schule, Ich möchte später auch mal studieren. Nach der Schule fahre ich oft mit meinem Fahrrad und ein paar Freunden zum Revierpark Vonderort, wo wir ein Fahrradrennen machen.
Manchmal helfe ich auch meinem Vater auf dem Markt Waren zu verkaufen. Das Geld, das ich dafür bekomme, spare ich. Ich habe mir auch schon ein Fotoapparat gekauft. Wenn ich mal groß bin, möchte ich mir ein Haus kaufen und Arzt werden, weil ich ganz vielen Menschen helfen möchte.Ò

 

Interview mit einer Erzieherin des Caritas-Kindergartens aus der Obdachlosensiedlung in der Klosterhardter Straße

Interviewer: Seit wann gibt es diesen Jugendkeller?
Erzieherin: Diesen Jugendkeller gibt seit 3 Jahren.
Interviewer: Ab wieviel Jahren darf man in den Jugendkeller ?
Erzieherin: Ab 16 Jahren.
Interviewer: Wann ist der Jugendkeller geöffnet?
Erzieherin: Je nach Bedarf.Ó - ãBestimmte öffnungszeiten gibt es nicht.
Interviewer: Werden die Jugendlichen in diesem Jugendkeller betreut?
Erzieherin: Die Jugendlichen werden dort nicht betreut. Den Jugendlichen stehen zwei Räume zu Verfügung. Sie haben für die Räume einen Schlüssel und sind für diese Räume selbst verantwortlich.
Interviewer: Was machen die Jugendlichen dort?
Erzieherin: Die Jugendlichen können sich dort zurückziehen und unter sich sein. Sie feiern in dem Jugendkeller Geburtstage. Sie planen und gestalten selbständig.
Interviewer: Was für Angebote werden gemacht?
Erzieherin: Wir haben einen Kindergarten vor Ort. Hier werden Kinder von drei bis acht Jahren betreut. Die Kinder kommen hier aus der Siedlung und wenn noch Plätze frei sind, nehmen wir auch Kinder von außerhalb auf. Den Schulkindern wird täglich nachmittags eine Hausaufgabenhilfe geboten. Es werden in den Caritas-Räumen Freizeitangebote ( z. B. Minigolf, Kinobesuche), Tagesausflüge ( z. B. Phantasialand, Zoobesuche... ) und eine Wochenendfahrt geplant und organisiert. Die Wochenendfahrt wird einmal im Jahr gemacht. Wir haben hier eine Kinder-, Teenie-, Jugend- und Frauengruppe. Außerdem gibt es noch eine Kochgruppe, an der die Frauen aus der Frauengruppe teilnehmen.
Interviewer: Wann finden die einzelnen Gruppen statt?
Erzieherin: Die Kinder- und Teenie Gruppe findet alle zwei Wochen im Wechsel statt. Die Jugendgruppe ist zweimal und die Frauengruppe einmal im Monat.
Interviewer: Wie viele sind in den einzelnen Gruppen?
Erzieherin: In der Kindergruppe sind 9 Kinder im Alter von 3-8 Jahren. Acht Teenies im Alter von 13 bis 15 Jahren sind in der Teenie Gruppe. In der Jugendgruppe sind es derzeit 13 Jugendliche im Alter von 16 bis 26 Jahren.
Interviewer: Von wem werden die Angebote finanziell unterstützt?
Erzieherin: Der Caritasverband bekommt einen geringen Teil von der Stadt und wir sammeln Spenden. Die Jugendlichen und Frauen bezahlen pro Gruppenstunde zwei Mark. Davon werden diese Angebote finanziert.
Interviewer: Wie viele sind hier beschäftigt und welche Funktionen haben sie?
Erzieherin: Wir haben drei Vollzeiterzieherinnen, eine Halbtagskraft, einen Zivildienstleistenden, eine Jahrespraktikantin und einen Sozialarbeiter. Die Erzieherinnen kümmern sich um die Kindergartenkinder und um die Bewohner. Falls Probleme in den Familien stattfinden, führen wir (Eltern)- Gespräche und finden gemeinsam eine Lösung. Die Halbtagskraft und der Zivi kümmern sich um die Hausaufgabenhilfe. Die Jahrespraktikantin springt ein, falls einer der beiden nicht da ist. Sie kümmert sich auch um die Familie und unterstützt sie, falls es z. B. Probleme mit dem Sozialamt gibt. Unser Sozialarbeiter führt Besprechungen mit der Stadt und den Bewohnern.
Interviewer: Wieviel Familien leben in dieser Siedlung?
Erzieherin: Hier leben 32 Familien.
Interviewer: Was für Menschen wohnen in dieser Siedlung?
Erzieherin: Es werden Menschen aufgrund einer Räumungsklage hier eingewiesen. Menschen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können.
Interviewer: Müssen die Menschen hier Miete bezahlen? Wenn ja, wieviel?
Erzieherin: Sie bezahlen hier Nutzungsgebühr. Die Höhe ist unterschiedlich. Diese Gebühr ist geringer als die Miete auf den freien Wohnungsmarkt ( Beispiel: 56 m² ca. 380 DM warm). Die Menschen hier haben aber auch nicht die Rechte, die ein Mieter hat. Sie haben keine Mietrechte. Es darf z. B. jederzeit einer von der Stadt in die Wohnung.
Interviewer: Wie viele Räume stehen den Bewohnern zur Verfügung?
Erzieherin: Zwei bis sechs Räume.
Interviewer: Welcher Kontakt besteht zwischen den Erzieherinnen/ Sozialarbeitern und den Bewohnern?
Erzieherin: Es besteht ständiger Kontakt. Wir sind immer ansprechbar und besuchen die Familien. Es werden Gespräche geführt und wenn Probleme anliegen, kümmern wir uns darum. Wir gehen auf die Leute zu oder sie sprechen uns an. Wir haben zu den Familien Kontakt, die Hilfe benötigen und sie auch in Anspruch nehmen.
Interviewer: Haben die Bewohner auch Kontakt zu Leuten außerhalb der Siedlung?
Erzieherin: Wir haben in unserer Jugendgruppe drei Jugendliche,die von außerhalb kommen. Bei einem wohnt die Oma hier, einer hatte hier gewohnt und eine hat ihren Freund hier wohnen. Auch in der Frauengruppe kommen Frauen von außerhalb.
Interviewer: Werden die Menschen wieder in das Berufsleben integriert?
Erzieherin: Es werden von der Ruhrwerkstatt und von ZAQ Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen angeboten.
Interviewer: Wie lange leben die Bewohner hier?
Erzieherin: Viele Bewohner leben Jahre hier. Sie kennen es nicht anders. Sie sind hier hinein geboren und bleiben ihr Leben lang hier wohnen. Andere wohnen hier nur vorübergehend, bis es ihnen finanziell wieder besser geht.
Interviewer: Gibt es eine Nachbetreuung?
Erzieherin: Es ist vor kurzem eine Mutter mit ihren zwei Söhnen nach Osterfeld gezogen. Wir haben weiterhin Kontakt. Es kommt darauf an, wie lange jemand hier gelebt hat.

 

Jungschar, eine Alternative für Kinder in Tackenberg

Eine Alternative wird den Kindern in Tackenberg durch die Apostelkirche angeboten. Mädchen und Jungen haben die Möglichkeit, an verschiedenen Tagen etwas zu unternehmen, montags die Jungen und freitags die Mädchen. Den Kindern wird das gemeinsame Singen, Spielen und Gestalten angeboten. An manchen Tagen wird auch gemeinsam gebacken, dies geschieht sehr oft vor religiösen Festen wie Weihnachten und Ostern.

Kinder im Alter von acht bis sechzehn Jahren besuchen die Jungschar. Die Gruppen sind international, es sind deutsche, türkische, polnische und viele andere Nationalitäten vorhanden. Die Jungschar bietet Abwechslung von ihrem Alltag, die Kinder kommen sehr gerne dorthin: sie singen, hören Geschichten aus der Bibel, spielen, und ab und zu toben sie sehr gern herum.

Jedes Jahr zur Osterzeit organisiert die Jungschar eine Kinderfreizeit. Mit ca. 50 Kindern verschiedener Nationalitäten und einem großen Mitarbeiter- und Mitarbeiterinnenteam fahren sie für eine Woche gemeinsam zu einem bestimmten Ferienort. Die Jungschar möchte mit der Kinderarbeit in der Gemeinde mit dazu beitragen, dass die Kinder solch unterschiedlicher Nationalitäten sich besser verstehen lernen und etwas erleben an Gemeinschaft, Streit und Versöhnung. Dies kann eine Hilfe für später sein, auftretende Konflikte anders als mit Gewalt zu lösen.

 

Der Kindergarten des Waisenhauses

Ursprünglich war der Kindergarten des Waisenhauses eine Kapelle von einem Kloster der Schönstadtschwestern. Doch dann bat der Pastor die Stadt um einen Kindergarten. Somit wurde die Kapelle umgebaut. Die Möbel waren teilweise Spenden von anderen Kindergärten.

Anfangs war es ein Notprojekt mit 18 polnischen Kindern. Zur Zeit sind im Kindergarten des Waisenhauses 20 Kinder im Alter von 3-6 Jahren. Die Kinder sind entweder Aussiedlerkinder aus Polen und Rußland oder Asylbewerber aus Rußland, Armenien und Kurdistan oder bosnische Flüchtlinge. Alle Kinder wohnen in dem Heim mit ihren Eltern und Geschwistern. In dem Kindergarten arbeiten zwei Erzieherinnen, eine davon nur halbtags und eine Kinderpflegerin. Sieben Kinder bleiben über Mittag und bringen ihr Essen selbst mit. Deren Eltern machen während dieser Zeit eine Umschulung. Nachmittags kommen 13-15 Kinder. Der Kindergarten ist von 7:3O Uhr bis 16:00 Uhr geöffnet. Neben dem Waisenhaus ist noch ein anderer Kindergarten, in dessen Turnhalle die Kinder einmal in der Woche gehen können. Das Waisenhaus ist ein städtisches Haus, doch der Kindergarten ist eine kirchliche Einrichtung. Allerdings sind nur zwei Kinder katholisch.

Alle Kinder, die in den Kindergarten gehen, haben eine gemeinsame Sprache, nämlich die deutsche Sprache. Die Kinder haben große Probleme mit der Grammatik, deshalb ist es schwierig, allen gemeinsam eine Geschichte vorzulesen.

 

Monokultur auf der Taunusstraße

Der Treffpunkt am Kiosk auf der Taunusstraße im Oberhausener Stadtteil Tackenberg wird ausschließlich von türkischen Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren aufgesucht. Ab der Nachmittagszeit stehen dort zwischen acht und vierzehn Jugendliche, einige auch mit ihren Autos, und unterhalten sich bis zum späten Abend. Deutsche Jugendliche, Schulkinder oder Kleinkinder halten sich dort nicht auf.

Geht man die Taunusstraße weiter entlang, so findet man viele aneinander liegende Hausreihen mit Mehrfamilienhäusern. Zwischen den Häuserreihen kann man ab und zu spielende Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren beobachten. Bei diesen Kindern handelt es sich ausschließlich um türkische Kinder, die dort in kleinen Gruppen spielen. Auffällig oft konnten wir beobachten, dass die Kinder keinerlei Spielzeug hatten.

Einige wenige hatten ein Fahrrad, Barbie-Puppen oder einen Ball, doch die meisten Kinder müssen sich ohne Spielzeug beschäftigen. Die Kinder spielen draußen vor der Haustür. Die häufigsten Spiele sind Fußball, Volley-Ball, Fußtreten oder Handstand. Fast immer spielen Mädchen und Jungen getrennt. Guckt man hinter die Hausreihen der Taunusstraße, kann man einige Spielplätze finden. Diese sind mit Rutschen, Klettergerüsten, Sandkästen und Schaukeln ausgerüstet. Auch auf den Spielplätzen halten sich fast ausschließlich türkische Kinder auf. Doch auch der Spielplatz ist für die Kinder langweilig, weil die meisten Spielgeräte kaputt sind.

Auf unsere Frage, was sie drinnen spielen, kam fast jedes Mal die selbe Antwort: ãFernsehenÒ. Die wenigsten der befragten Kinder haben Gesellschaftsspiele wie ãMensch ärgere dich nichtÒ oder auch anderes Spielzeug zu Hause.

Morgens gehen die türkischen Kinder in die Schule und mittags müssen sie häufig auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen. ältere Geschwister, vor allem türkische Mädchen, können nicht draußen spielen. Sie müssen ihrer Mutter im Haushalt helfen beim Spülen, Kochen, Einkaufen.... Wenn die Kinder draußen spielen, unterhalten sie sich ausschließlich auf türkisch, obwohl sie die deutsche Sprache verstehen und auch sprechen können. Es gibt nur wenige deutsche Kinder, die auf der Taunusstraße wohnen. Sie spielen gerne mit den türkischen Kindern. Sie können sich beim Spielen gut verständigen, da die türkischen Kinder deutsch sprechen können. Die deutschen Kinder lernen auch viele türkische Wörter und vor allem viele türkische Spiele....

 

Obdachlosensiedlung Osterfelder Straße

Die Obdachlosensiedlung liegt direkt neben der Autobahn, in der Nähe des CentrO`s. Sie besteht aus zwei Häuserblocks, mit insgesamt 15 Mietparteien, in denen 30 Erwachsene und 15 Kinder leben. In einem der Häuser befinden sich die Räume der AWO, in denen für die Kinder an zwei Tagen in der Woche Hausaufgabenhilfe und Spielmöglichkeiten angeboten werden. In den Ferien werden außerdem verschiedene Aktivitäten (z. B. Zoobesuch) angeboten, an denen die Kinder teilnehmen können. Diese Aktivitäten werden vergünstigt angeboten, d. h. sie werden von der AWO unterstützt, damit es sich alle Familien leisten können.

Die Familien leben überwiegend in einem ordentlichen Stil und sie wollen lieber dort wohnen bleiben, obwohl sie die Möglichkeit hätten, von dort wegzuziehen. Doch vor kurzem wurde beschlossen, dass die Obdachlosensiedlung in spätestens eineinhalb Jahren abgerissen werden soll, da, bedingt durch das CentrO, die Bodenpreise gestiegen sind und attraktive Neubauhäuser dort entstehen sollen. Das finden besonders die anderen Anwohner gut, die es sowieso stört, dass es in ihrer Nachbarschaft eine Obdachlosensiedlung gibt. Da sich die Familien die neuen Mietpreise voraussichtlich nicht mehr leisten können, werden sie wohl oder übel bald alle ausziehen müssen. Aus diesem Grund wer-den auch einige leerstehende Wohnungen in der Siedlung nicht mehr neu bezogen. Einige Leute arbeiten und können die kleine Miete davon bezahlen, doch die meisten leben von der Sozialhilfe.

Die Kinder haben die Möglichkeit, den hauseigenen Hof und Rasen zum Spielen zu nutzen. Dort spielen sie meistens Fußball oder betreiben andere Sportarten. Außerdem befindet sich auf dem Gelände ein Sandkasten samt Schaukel, die allerdings meistens kaputt ist. Da sich die Anschaffung neuer Spielgeräte nicht lohnt, werden für die Sommermonate Spielelemente ausgeliehen. Ebenso ist es den Kindern aber auch möglich, am Kanal oder an der Emscher zu spielen. Auch besuchen sie öfter den CentrO - Park, zumindest so lange, wie er noch keinen Eintritt kostet. Zudem bietet brachliegendes Weideland direkt vor der Haustür den Kindern eine geeignete Spielfläche. Wenn es einmal schlechtes Wetter ist und die Kinder gezwungen sind im Haus zu bleiben, sitzen sie meistens vor dem Fernseher und gucken sich die Angebote der zahlreichen Sender an, denn alle Familien besitzen eine Satellitenschüssel. Außerdem besitzen fast alle Kinder eine Videospielkonsole, an der sie häufig spielen.

Die meisten Eltern kümmern sich wenig um ihre Kinder und es scheint ihnen egal zu sein, was sie in ihrer Freizeit machen. Doch eine Familie kümmert sich so gut es geht um ihre Kinder und unternimmt so viel wie möglich mit ihnen (z. B. ein Besuch im Kaisergarten).

Es besteht eine sehr strenge Hackordnung unter den Kindern der Siedlung und es gibt einige krasse Außenseiter. Trotzdem spielen aber die Kinder in der Siedlung untereinander am liebsten, doch sie haben auch andere Freunde aus der Schule.

Bei einem Interview, daß wir mit den Kindern geführt haben kam folgendes Ergebnis heraus:

ãWas macht ihr am liebsten in eurer Freizeit ?Ò
in den CentrO - Park gehen,
durch das Centro ãbummelnÒ
Klettern auf dem Klettergerüst
auf dem Schulhof Fußball spielen
Kicker spielen
Tischtennis und Tennis spielen
Volleyball spielen
Fangen spielen
Versteck spielen
mit Puppen spielen
Schwimmen (im Sommer im Vonderort)
Angebote von der AWO wahrnehmen
in den Kaisergarten gehen
Fahrradtouren mit den Eltern
Turnen
Computerspiele spielen
Inliner fahren (auf dem Hof, auf der Rollschuhbahn, in der Halfpipe)
Baseball spielen
Eishockey spielen
Lieber draußen, als drinnen

 

Die Wohnsituation im Waisenhaus

In dem Waisenhaus an der Waisenhausstraße in Oberhausen wohnen ca. 130 - 150 Menschen. Die meisten Familien kommen zur Zeit aus der ehemaligen UdSSR, Polen und Bosnien.

Ein Zimmer in diesem Waisenhaus ist ca. 27 Quadratmeter groß. In diesen Zimmern wohnen nicht selten fünf Menschen zusammen. Dabei kann es sich um eine Familie mit drei Kindern handeln oder teilweise wohnen auch drei Generationen in einem Zimmer. Die Familien, die sich ein Zimmer teilen müssen, schlafen, wohnen und essen gemeinsam in diesem einen Zimmer. Dadurch kann es verständlicherweise zu Familienproblemen und zu Gereiztheit führen. Auf den Fluren befinden sich Toiletten, Duschen und Küchen, die von 4-6 Familien genutzt werden. Natürlich müssen hier Absprachen getroffen werden. So können z.B. nicht alle sechs Familien gleichzeitig ihr Essen bereiten. Eine Küche ist schätzungsweise ca. 5- 6 Quadratmeter groß.

Im Keller des Hauses befindet sich eine Art Waschkeller. Dort stehen drei bis vier Waschmaschinen, die von allen Bewohnern genutzt werden. Viele Familien der ehemaligen UdSSR kommen als Spätaussiedler nach Deutschland. Sie besitzen deutsche Papiere und wohnen oft nicht lange im Waisenhaus. Ihre Kinder besitzen aufgrund der deutschen Papiere die Schulpflicht. Sie besuchen die umliegenden Schulen des Waisenhauses und ihre Eltern die hiesige Sprachschule, die sie bezahlt bekommen. Allerdings kommen auch Asylbewerber aus der ehemaligen UdSSR, die politisch verfolgt werden. Diese Familien haben es hier, genau wie alle anderen Asylbewerber, viel schwerer. Als Asylbewerber dürfen sie keine Wohnung besitzen und dürfen nicht arbeiten. Zudem müssen sie in teilweise jahrelanger Ungewißheit leben, ob sie bleiben dürfen oder nicht.

Die meisten Asylanträge werden nicht anerkannt. Die Asylbewerber werden nur solange in Deutschland geduldet, bis eine Rückführung möglich ist. Im Falle einer Rückführung werden sie in ihrem ursprünglichen Heimatland wie Ausländer behandelt.

Die meisten Bewohner des Waisenhauses beziehen Sozialhilfe. Von dieser Sozialhilfe müssen sie eine kleine Miete bezahlen. Wasser und Strom sind kostenlos. Einen öffentlichen Telefonanschluß gibt es auf den Fluren in Form eines Münztelefons.

 

Das Leben der Kinder und Jugendlichen im Waisenhaus

Um uns einen Eindruck über die Lebensbedingungen der in dem Waisenhaus lebenden Kinder und Jugendlichen zu verschaffen', führten wir mit einigen von ihnen im Alter von 7- 18 Jahren Gespräche durch. Diese beinhalteten Fragen über ihren Herkunftsort, mit wem sie nach Deutschland gekommen sind, wann und warum, wir befragten sie, ob sie die Schule besuchen, wie sie ihre Freizeit verbringen und mit wem, und was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Wir möchten uns bei einem Mädchen bedanken, das uns als Dolmetscherin begleitete. Ohne sie wären wir wahrscheinlich zu keinem Ergebnis gekommen, da wir der russischen Sprache nicht mächtig sind. Alle Kinder und Jugendliche, mit denen wir sprachen, kamen aus Rußland. Eine Ausnahme war ein Mädchen mit ihrer Familie aus Armenien. Auf unsere Frage nach Gründen für ihre Einreise nach Deutschland antworteten sie zum Beispiel, dass schon andere Verwandte hier lebten und sie dann von diesen überredet wurden, ebenfalls nach Deutschland zu kommen. Andere sagten, dass sie vor einem Bürgerkrieg geflohen sind oder sie wussten auf diese Frage keine Antwort.

Selbst einige der Eltern konnten die Frage nicht beantworten. Alle zogen mit ihren Eltern und, wenn vorhanden, Geschwistern nach Deutschland. Die Dauer der Unterkunft in diesem Haus erstreckt sich von zwei Monaten bis zu fünf Jahren. Einige der Familien wissen nicht, wie lange sie in dem Haus verweilen können, ob sie vielleicht eine Wohnung bekommen oder ob sie abgeschoben werden: Diese Angst ist auch ein Grund dafür, dass viele nicht mit uns reden wollten.

Die Kinder besuchen ganz normal die Schule, die Grundschule, das Gymnasium, die Hauptschule, die Gesamtschule. Es gefällt ihnen gut, nur die Sprache bereitet in manchen Fällen noch ein Problem. So erzählte uns ein achtjähriger Junge, dass er einen deutschen Freund in seiner Klasse hat, der Russisch kann und ihm immer alles übersetzt
.

Ihre Freizeit verbringen sie mit Kindern aus dem Haus und auch mit Freunden aus der Schule. Sie gehen auch zu den Freunden mit nach Hause, doch selten nehmen sie jemanden mit zu sich, da sie sich teilweise schämen, so leben zu müssen. Vereinzelt besuchen die Kinder auch Sportvereine, wie zum Beispiel einen Fußballverein in Osterfeld. Andere Freizeitaktivitäten der Kinder sind Fernsehen, Spazieren gehen und Spielen auf dem Außengelände.

Die Wunsche der Kinder sind alle gleich, eine eigene Wohnung. Teilweise wünschten sie sich noch einen guten Schulabschluß, z.B. das Abitur und einen Arbeitsplatz für die Eltern, da diese größtenteils arbeitslos sind.

Auf unsere Frage, ob sie irgendwann mal wieder in ihre Heimat zurück möchten, antworteten mit einer Ausnahme alle, dass sie hier in Deutschland bleiben möchten.