Unterrichts-Segmente
Was ist ein Stadtteilcentrum und wie arbeitet ein Jugendamt
1. Das Stadtteilcentrum ist ...
... eine Organisationseinheit der Stadtverwaltung, in der dezentral
(hier für Osterfeld)große Teile der ursprünglichen Aufgaben von Jugendamt
und Sozialamt wahrgenommen werden.
2. Die Vorstellungen davon, was
ein Jugendamt ist und Vorstellungen davon,was von einem Jugendamt
folglich erwartet wird, sind vielfältig.
2.1 Es gibt die Vorstellungen und Vorgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes
(KJHG).
Darin sind 2.1.1 grobe Ziele und
2.1.2 Aufgabenbereiche festgelegt und gewichtet (ist-soll-kann) nicht jedoch
2.1.3 die Vielfalt
2.1.4 die Schwerpunkte
2.1.5 die Qualität
2.1.6 die Organisation der Arbeit
2.2 Es gibt die fachlichen Vorstellungen der Experten in- und außerhalb von
Jugendämtern, die als Orientierungsnorm dienen und sich als Idealbild vom
Jugendamt verdichten lassen.
2.3 Es gibt das Image des Jugendamts in der öffentlichkeit, in dem sich immer
wieder bestimmte wandlungsresistente Vorstellungen wiederholen.
2.4 Es gibt das Jugendamt, wie es wirklich ist und die dadurch bewirkten zentralen
Vorstellungen der Leute, die als Experten (innerhalb und außerhalb) und als
Bürger mit dem Jugendamt direkt zu tun haben.
3. Problem ist, daß in der Bewältigung
der Aufgaben des Jugendamts oft einige der skizzierten Vorstellungen außerhalb
der Betrachtung bleiben.
3.1 So gibt es Experten, die meinen, daß sich ihre Arbeit aus einem Gesetz
und nicht aus einem pädagogischen Erfordernis ergibt.
3.2 So gibt es Bürger, die ihr Bild vom Jugendamt allein aus einem Bericht
über zurückliegende Erfahrungen anderer speisen.
4. Auch die widersprüchlichsten
Bilder vom Jugendamt haben einen guten Grund.
4.1 Sie sind deshalb wirksam.
4.2 Sie sollten deshalb ernst genommen werden.
4.3 Sie sollten deshalb aber auch zum Thema gemacht werden, um die Qualität
der Arbeit im Jugendamt zu verbessern.
5. Jugendämter haben stets ein
Grundproblem, das sich nicht grundsätzlich lösen läßt und deshalb in vielen
Einzelsituationen zur Bewältigung ansteht.
5.1 Jugendämter haben einen pädagogischen Auftrag und damit das Ziel,
vorfindbare Sachverhalte nicht nur zu bewahren, sondern auch zu erneuern und
spontan zu verantworten.
5.2 Jugendämter sind andererseits Teil einer Verwaltung, die vorrangig der
Aufgabe folgt, in einem vorgegebenen Rahmen Dienstleistungen zuverlässig zu
gewährleisten.
5.3 Daraus ergibt sich, daß
5.3.1 Routinevollzüge gut geregelt sind,
5.3.2 Innovationen (also abweichendes Verhalten) im Jugendamt nicht besonders
gut aufgehoben sind.
5.4 Daraus ergibt sich wiederum, daß ...
5.4.1 ... vielfach auf Innovationen verzichtet wird(es sei denn, Innovationen
lassen sich angesichts knapper Kassen als billig verkaufen)
5.4.2 ... Mitarbeiter ein persönliches Risiko zur Innovation eingehen
5.4.3 ... eine (interne und externe) Fachsolidarität für größere Innovationen
entwickelt wird
5.4.4 ... administrative Störungen die Innovationen behindern.
6. Aktuell ist es so, daß die
aktuellen Sparmaßnahmen für öffentliche Haushalte
6.1 nicht nur die fachlich hochwertige Arbeit der Jugendämter einschränken
6.2 sondern Fachressourcen herausfordern, die die bisher vernachlässigt wurden:
6.2.1 Innovation
6.2.2 Qualifikation
6.2.3 Vernetzung
6.3 Insofern sind Jugendämter in einer Umbruchsituation,
6.3.1 in der vieles zu befüchten und zu erhoffen ist
6.3.2 in der aber auch ein Engagement erforderlich ist,damit die Sache möglichst
positiv ausgeht.
7. Stadtteilcentren in Oberhausen sind ein Beispiel dafür, wie die Umbruchsituation praktisch bewältigt werden kann.
8. Die"Philosophie" der Stadtteilcentren ist noch nicht geschrieben, deshalb gibt es an dieser Stelle nur einen vieler möglicher perspektivischer Zugänge als
Exkurs: Raumorientierung
8.1 Sozial-räumliche Konzepte greifen auf sozial-ökologische Modelle zurück.
8.2 Der Raum hat immer schon eine spezifische Valenz, nämlich Raum zu sein
für die universell geltende Absicht, die Ressourcen im Raum nur begründet
und behutsam zu bewegen und sie vor allen Dingen nicht zu überfordern.
8.3 Raumorientierung oder besser Raumaneignung ist als eine Entwicklung zu
verstehen. Sie erfolgt sowohl nach dem Modell der konzentrischen Kreise (Comenius,
Bronfenbrenner) als auch nach dem Modell der Inselbesiedlung (Zeiher).
8.4 Sinnvoll ist die Verbindung beider Modell, weil im Laufe der Entwicklung
zunehmend Inseln besiedelt werden, die räumlich und ideologisch entfernter
sind und zunehmend Engagement, Risikobereitschaft und Verläßlichkeit (als
Rückfahrschein zum Heimathafen) erfordern.
[Fliessendes Objekt]
8.5 Optimale Entwicklung ist nach diesem Modell so definiert, daß das Individuum
über alle Möglichkeiten verfügt, nach und nach Inseln zubesetzen, die zunehmend
von seinem Ausgangsraum (elterliche Wohnung) weiter entfernt sind.
8.6 Die (immer vorfindbare) reale Entwicklung ist eingegrenzt durch
8.6.1 die oft zufällige oder an Vorlieben gebundene Auswahl von Inseln
8.6.2 unterschiedlich ausgeprägte Talente zur Aneignung,
8.6.3 unterschiedlich ausgeprägte Aneignungserfahrungen
8.6.4 Raumeigenschaften, die der Aneignung mehr oder weniger entgegenstehen.
8.7 Aneignungsbehindernde Raumeigenschaften lassen sich typisieren
8.8 Aneignungsbehindernde Raumeigenschaften führen insgesamt
dazu, daß sich der >Drinnen-Typ< sich vom Normalfall des >Draußen-Typ< abspaltet
und seinen Mangel an Aneignungsgegenständen möglicherweise kompensiert durch
eine besondere Aneignungstiefe und durch eine erhöhte Wertschätzung des Privaten
und damit den selbstgewählten Ausschluß von weitergehender Raumaneignung.
8.9 Die Aneignung von Räumen wirkt zweiseitig, denn
8.9.1 der Raum ändert sich
8.9.2 der Akteur ändert sich Danach sind Raum und Akteur nicht mehr, was sie
waren und beide gehen in ihrer eigentümlichen Verbindung über in eine dynamische
Entwicklung.
8.10 Individuelle Raumaneignungen verlaufen schließlich höchst unterschiedlich.
Raumanalysen heben deshalb zunächst keine Informationen, die Akteur X benötigt,
sondern das kollektive Wissen über den Raum, in dem X wahrscheinlich am ehesten
Hilfen zur Aneignung findet. Dieses Wissen ist gleichermaßen Fundus für die
professionelle pädagogische Arbeit im Raum.
8.11 Man kann von einem gegenläufigen Prozeß der Aneignung von Welt, wie sie
in ihren Gegenständen symbolisiert ist, ausgehen (Leontjew). 8.11.1 Der erste
Prozeßteil betrifft die Konstituierung der kulturellen Welt, die dann im Gegenstand
kulminiert. Vergegenständlichung
8.11.2 Der zweite Prozeßteil betrifft die nachträgliche Analyse der verdinglichten
Welt mit dem Ziel der Verfügbarkeit der Welt im Sinn einer gelungenen Entwicklung.
Dieser Prozeß ist eine Umkehrung des ersten und heißt Aneignung
8.12 Diese Aneignung ist eine Voraussetzung
8.12.1 zur kulturellen Fortführung der Gegenstände durch den Menschen:Bedeutungsverallgemeinerung
8.12.2 zur Fortführung der individuellen und kollektiven Entwicklung des Menschen:
Unmittelbarkeitsüberschreitung
8.13 Erfolgreiche Bedeutungsverallgemeinerungen und Unmittelbarkeitsüberschreitungen
haben immer kürzere Halbwertzeiten und sind im Sinn der Entwicklung im mer
weniger sicherer Besitz und deshalb ständige Aufgabe.
8.14
8.15 Ein pädagogisches Konzept fertigen heißt:
8.15.1 Pädagogisch verfügbare Räume aneignungsfähig gestalten.
8.15.2 Informationen über anzueignende Räume für die Raumakteure aufbereiten.
8.15.3 Hilfsmittel zur Raumaneignung bereit stellen.
8.15.4 Elemente eher hoher Verfügbarkeit (z.B. Jugendhaus) und Elemente eher
geringer Verfügbarkeit (z.B. Einkaufszentrum) kennzeichnen und ausweisen.
9. Mit dem Raumkonzept ...
9.1 ... wird sukzessive Abschied von der Fallarbeit
genommen
9.2 ... sind zunehmend die Lebenswelten im Stadtteil das Ausgangspunkt der
Sozialarbeit
9.3 ... findet die Sozialarbeit zunehmend mit Gruppen im Stadtteil statt
9.4 ... wird die Arbeit zunehmend in Projekten organisiert.
10. Um auf diesem fachlich-theoretischen
Hintergrund die Arbeit eines (dieses) Jugendamts zu vermitteln ist zweierlei
erforderlich
10.1 Die Orientierung in der Gliederung der Sachaufgaben und Entscheidungsstrukturen
(Anlage)
10.2 Die Orientierung im System der Hilfen im Jugendamt, die fallübergreifend
und fallunabhängig als innovative Projekte angeboten werden (Anlage)
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Schülerinnen und Schüler der einjährigen
Berufsfachschule im Ratssaal des Rathauses in Osterfeld
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